Was passiert, wenn aus einem lebendigen Wald ein Industriestandort wird? Welche Folgen hätte der Bau von Windkraftanlagen für Wasser, Klima und die natürliche Widerstandskraft unseres Waldes?
Mit diesen Fragen beschäftigt sich Stadtförster Bernd Hoffmann in seinem im Freien Wort veröffentlichten Leserbrief. Als langjähriger Kenner des Waldes schildert er seine Sorgen um ein einzigartiges Ökosystem und mahnt, die langfristigen Folgen für Natur, Landschaft und kommende Generationen sorgfältig abzuwägen.
Lese selbst, warum er den Schutz unserer Wälder für eine der wichtigsten Aufgaben unserer Zeit hält.
Lesermeinung:
Windkraft zwischen Ebenhards und Häselrieth?
Unter der Titel „Wir zerstören die Resilienz und die Wasserquellen unseres Stadtwaldes“ schreibt Bernd Hoffmann, Stadtförster von Hildburghausen, seine Gedanken zur Windkraft im Wald.
Als Stadtförster von Hildburghausen sehe ich es als meine Pflicht an, die Bürgerinnen und Bürger über ein geplantes Großprojekt in unserem Stadtwald zu informieren und vor den irreparablen Folgen zu schützen. Auf einer Fläche von rund 200 Hektar zwischen den Ortsteilen Ebenhards und Häselrieth soll ein Windvorranggebiet ausgewiesen werden.
Was vordergründig nach grünem Fortschritt klingt, bedroht in Wahrheit das ökologische Herz unserer Region: die natürliche Resilienz unseres Waldes auf seinen sensibelsten Böden. Die Energiewende ist eine wichtige Aufgabe, der ich mich als Waldwirtschaftler nicht verschließe. Doch echter Klimaschutz darf nicht die Werkzeuge zerstören, die uns vor den Folgen des Klimawandels schützen. Unser Stadtwald kämpft ohnehin schon mit Hitze und Trockenheit. In dieser Krisenzeit braucht das Ökosystem seine volle Resilienz – also die Fähigkeit, sich selbst zu regulieren, zu kühlen und extreme Wetterereignisse abzufedern. Genau diese Widerstandskraft wird durch den Bau von Windkraftanlagen in diesem sensiblen Bereich nachhaltig gestört.
Akute Gefahr für sensible Quellhorizonte: Das betroffene Areal zwischen Ebenhards und Häselrieth beherbergt unsere hydrologisch sensibelsten Waldböden. Das Gebiet ist durchzogen von wertvollen Quellhorizonten und empfindlichen Wasserläufen. Der Bau von tonnenschweren Fundamenten, tiefen Verankerungen und Kabeltrassen wirkt wie ein massiver Riegel im Untergrund. Er durchtrennt diese wasserführenden Schichten, lenkt natürliche Quellströme unkontrolliert um oder lässt sie versiegen. Wir riskieren hier die Zerstörung des lokalen Wasserhaushalts, der für die Trinkwasserneubildung unserer Region von fundamentaler Bedeutung ist.
Zerstörung des Bodenschwamms: Diese hydrologisch aktiven Böden wirken wie ein riesiger, natürlicher Schwamm, der Starkregen aufsaugt, filtert und für Dürrezeiten speichert. Die massive Bodenverdichtung durch Schwerlasttransporte und den Wegebau zertrampelt dieses feine Porensystem unwiederbringlich. Der Schwamm wird dauerhaft ausgedrückt. Das Wasser fehlt dem Wald in den trockenen Sommermonaten, während bei Starkregen das Risiko von Erosion und Sturzfluten dramatisch steigt.
Fataler Rotationseffekt gefährdet das Mikroklima: Ein gesunder Wald schützt sich selbst durch ein stabiles Innenklima – er hält kühle, feuchte Luft wie unter einem Schirm am Boden. Die rotierenden, riesigen Flügel der Windkraftanlagen zerstören diese Schutzschicht durch vertikale Luftmischung. Die Rotoren saugen die lebensnotwendige, kühle Feuchtluft aus dem Wald nach oben ab und pressen im Gegenzug warme, trockene Luftmassen aus höheren Schichten tief in den Baumbestand hinein. Dieser permanente Föhneffekt trocknet das ohnehin feuchtigkeitsabhängige Ökosystem von innen heraus aus.
Verlust des Kollektivschutzes: Durch das Aufreißen der Bestände für Trassen und Standorte entstehen riesige Löcher im Kronendach. Sonne und Wind dringen ungehindert ein. Der verbleibende Wald verliert seinen mechanischen Schutz im Kollektiv. Künstlich veränderte Windströmungen und Turbulenzen im Lee der Anlagen führen bei zukünftigen Stürmen zu massivem Windwurf und machen geschwächte Bäume zur leichten Beute für Schadorganismen.
Das betroffene Waldgebiet ist kein steriles Industriegebiet, sondern ein lebendiges Ökosystem, ein unersetzlicher Wasserspeicher und ein geschätzter Naherholungsraum für die Menschen aus Hildburghausen, Ebenhards und Häselrieth. Wenn wir die Resilienz und die Wasseradern dieses Waldes durch industrielle Eingriffe brechen, verliert er seine Funktion als regionaler Klimaretter.
Ich fordere die Planungsbehörden und politischen Entscheidungsträger dringend auf, diesen Standort zu überdenken. Windkraft gehört auf bereits vorbelastete Freiflächen, nicht in das hydrologisch sensible Herz unseres Stadtwaldes. Wenn wir das Wasser und die Resilienz des Waldes vor unserer Haustür opfern, opfern wir unsere eigene Lebensgrundlage.
Bernd Hoffmann, Hildburghausen
Quelle: Freies Wort / 05.06.2026